
Ralph Gibson über Leica, digitale Fotografie und Originalität
Veröffentlicht am 9. Juni 2026 von MPB
Ralph Gibson, einer der renommiertesten US-amerikanischen Fotografen unserer Zeit, verbrachte fünfzig Jahre in der Dunkelkammer, bevor er zum ersten Mal eine Digitalkamera in Händen hielt. Seine Karriere war vor allem von der Analogfotografie und von dem festen Entschluss geprägt, sich in keine Schublade stecken zu lassen. Deshalb bedeutete der Umstieg auf Digital für ihn auch nicht nur eine Veränderung seines Setups, sondern eine ganz neue Arbeitsweise.

Ralph Gibson von Bob Tursack
MPB verlost gemeinsam mit dem Blind Magazine und Ralph Gibson seine persönliche Leica M Monochrom Typ 246, ein 50mm f/1.4 Summilux-M ASPH Silver-Objektiv und einen signierten und nummerierten Druck in limitierter Auflage.
In unserem Interview reflektiert Gibson über den Umstieg von Film auf Digital, die Bedeutung von Originalität und was es für ihn heißt, seine eigene Kamera in neuen kreativen Händen zu sehen.
Die Kamera, die Gibson den Sprung ins digitale Zeitalter ermöglichte
Für Gibson, der sein Leben lang auf Film fotografiert hatte, war der Umstieg auf Digital zunächst weder eine realistische Option noch reizvoll – bis ihm Leica 2012 einen Prototyp der M Monochrom schickte.
Was hat Sie an der Leica M Monochrom so beeindruckt, dass Sie Ihre Meinung über die digitale Fotografie geändert haben?
Nach fünfzig Jahren in der Dunkelkammer dachte ich zunächst gar nicht erst daran, auf Digital umzusteigen. Als Leica zu mir ins Studio kam und mir eine personalisierte Monochrom anbot, lehnte ich dankend ab. Kurz darauf fragte mich ein Mann namens Dave bei einer großen Ausstellung in Australien nach meiner Meinung zur digitalen Fotografie, und ich gab ihm meine damalige Standardantwort: Die besten Fotos entstehen seit jeher auf Schwarz-Weiß-Film, und digitale Fotos werden niemals dieselbe Art von Perfektion erreichen können. Kurz darauf kam ich nach Hause, und auf meinem Schreibtisch lag ein FedEx-Paket aus Deutschland. Darin war eine Monochrom mit meinem Namen darauf. Leica hatte mir also trotz allen Widerstands einen Prototyp zugeschickt. Eines Tages, als ich auf dem Nachhauseweg von meinem Therapeuten war, entdeckte ich dann einen Kanaldeckel, ein Fahrrad kam ins Bild, und ich drückte ab. Ich schaute mir die Aufnahme auf dem Display an und dachte: Dieses Bild trägt genau meine fotografische Handschrift. Ich hatte gleich beim ersten Auslösen meinen Look gefunden und habe seitdem keinen einzigen Film mehr in eine Kamera eingelegt. Die Leica Monochrom verstand einfach, wie ich die Welt sehe, und ich wusste, dass ich mit ihr nichts verkehrt machen konnte.

Ralph Gibson | Leica M Monochrom | 2012
Seine erste Begegnung mit der Monochrom veränderte nicht nur Gibsons Setup, sondern auch den Umfang und das Tempo seines kreativen Schaffens. Später entdeckte er sogar eine völlig neue Bildsprache.
Sie beschreiben den Umstieg auf Digital als eine Art Neuanfang. Welche kreativen Möglichkeiten hat Ihnen die digitale Fotografie an diesem Punkt Ihrer Karriere eröffnet?
Ich bin von der digitalen Bildsprache inzwischen überzeugt. Digital komprimiert – ob in der Kommunikation, im Bankwesen, im Internet, im Kino oder in der Musik. Ich liebe diese Komprimierung und studiere inzwischen alles Digitale so, wie ich Französisch lerne: wie eine neue Sprache, die mir den Antrieb gibt, morgens aufzustehen und ständig dazuzulernen. Für mich bezieht sich der Nostalgiebegriff nicht auf die Vergangenheit, sondern auf die Zukunft, und ich möchte wissen, wie sich Dinge entwickeln. Der Umstieg auf Digital war für mich eine Art Befreiungsschlag: Seit 2012 veröffentliche ich ein bis zwei Bücher pro Jahr und mache viele große Ausstellungen. Um das dafür benötigte Fotomaterial auf Film zu entwickeln, bräuchte ich zehn Assistenten, und in meinem Alter stelle ich mich nie wieder zwei Tage für ein einziges Negativ in die Dunkelkammer. Das letzte Bild, das ich euch geschickt habe, zeigt genau, wo ich mich jetzt sehe. Ich war fast 87, als es entstand, und das habe ich vor allem der digitalen Fotografie zu verdanken.
Gibt es etwas, das Sie an der Analogfotografie dennoch vermissen?
Ehrlich gesagt, nicht viel. Besonders nicht, zwei Tage mit einem einzigen Negativ in der Dunkelkammer zu stehen. Was aus den Zeiten der Filmfotografie aber noch geblieben ist, ist meine organische Herangehensweise. Als ich jung war, war das Entwickeln von Film ein langsamer Prozess. Man mischte seinen Entwickler mit Pulver an und konnte sich bildlich vorstellen, wie sich das Licht auf der Emulsion absetzt und die Silberkristalle aufquellen. Für den Übergang von einem Entwicklungsstadium zum anderen gab es sogar Begriffe wie Schärfe und Aktuanz, und ein Monochromsensor stellt diesen Übergang anders dar als ein Vollfarbsensor. Ich möchte zwar immer noch, dass der Sensor organisch auf mich reagiert, aber von der Chemie habe ich mich inzwischen verabschiedet.
Originalität als Konstante
Im Laufe seiner Karriere hatte Gibson es bereits mit den unterschiedlichsten Kameras und Medien zu tun und verstand die Fotografie schon immer als kontinuierliche Entdeckungsreise. Die Veröffentlichung von „The Somnambulist“ im Jahr 1970 bedeutete einen Wendepunkt in seiner fotografischen Praxis, an dem er sich statt nur dokumentarisch zu fotografieren auch subjektiveren und symbolischeren Motiven zuwandte. Trotz dieser Veränderung trägt sein Werk aber nach wie vor seine charakteristische Handschrift.

Ralph Gibson | Leica | 2012
Was ist an Ihrer fotografischen Herangehensweise im Laufe Ihrer Karriere gleich geblieben, auch wenn sich Ihr Handwerkszeug verändert hat?
Mein Fokus auf Originalität. Angefangen habe ich als Fotojournalist – als Assistent von Dorothea Lange und Robert Frank, mit einem kurzen Gastspiel bei Magnum. Dort habe ich vor allem gelernt, wie wichtig es ist, originell zu bleiben. Ich wollte nie einer bestimmten Bewegung, einer Schule oder irgendeinem -ismus angehören und weigere mich nach wie vor, mich kreativ in eine Schublade stecken zu lassen. Und hinter dem Ganzen steckt Methode: Bei der Lektüre von Valérys Text über Mallarmé wurde mir klar, dass Mallarmé unabhängig vom Thema oder von der jeweiligen Situation immer ein festes System von Prinzipien anwandte. Und das entspricht exakt meiner fotografischen Herangehensweise. Meine Bilder mögen völlig unterschiedliche Motive zeigen, aber sie entstehen immer aus derselben formalen Denkweise und denselben gestalterischen Prinzipien heraus. So haben meine Bilder Wiedererkennungswert, selbst wenn man sie noch nie zuvor gesehen hat. Außerdem würde ich mich als Formalisten bezeichnen: Meine Fotografien sind immer unmittelbar, aber durchdacht, und fast alles, was ich fotografiere, ist für Printmedien bestimmt. Daran hat sich nichts geändert, egal welche Kamera ich gerade in der Hand halte.

Ralph Gibson | Aufgenommen mit einer Leica-Kamera auf 35-mm-Film | 1983
Was begeistert Sie heute noch am Fotografieren?
Ich begeistere mich für die Zukunft und dafür, wie sich Dinge entwickeln. Nach siebzig Jahren in meinem Beruf bin ich endlich an einem Punkt angelangt, an dem ich Ideen direkt umsetzen kann, und das ist aufregend. Die Kreation selbst sollte immer besser sein als der, der sie kreiert – sonst hätte der ganze Aufwand für mich keinen Sinn. Ich lerne nach wie vor aus meinen eigenen Werken und messe mich stets an meinem nächsten Bild. Kertész, dessen Studio zwei Blocks von meinem entfernt war, fotografierte bis ins hohe Alter mit seiner SX-70 und sagte mir einst, dass er jeden Tag Neues entdecke. In letzter Zeit bewegt mich vor allem der Dialog zwischen verschiedenen Formen ohne menschliches Eingreifen. Ich sitze in den Tuilerien, lese Proust, drehe mich um und entdecke plötzlich einen Stuhl oder einen eigentlich unbedeutenden Gegenstand in einem Schuppen, der die ganze Essenz des Ortes verkörpert und mir eine gewisse Spannung vermittelt. Und genau das ist es, was mich morgens immer noch aus dem Bett treibt.
Die Marke Leica als ständige Begleiterin
Gibson arbeitet seit 1961 mit Leica-Kameras. Seine Geschichte begann mit der M2, lange bevor er seine ersten Bildbände veröffentlichte oder seine charakteristische Handschrift entwickelte.
Ihre Verbindung zur Marke Leica reicht bis zu den Anfängen Ihrer Karriere zurück. Warum hat Ihre erste Kamera, die Leica M2, Sie so geprägt, und wie hat das Leica M-System zur Entwicklung Ihrer Bildsprache beigetragen?
Ich arbeite seit 1961 – also seit über sechzig Jahren – ausschließlich mit Leica-Kameras und werde oft gefragt, inwiefern markentypische Eigenschaften wie der manuelle Fokus und das Fehlen von Ablenkungen meine Bilder prägen. Meine ehrliche Antwort ist: überhaupt nicht. Nach so vielen Jahren könnte man mich genauso gut fragen, inwiefern die Art, wie ich Messer und Gabel halte, den Geschmack meines Essens beeinflusst. Das Instrument ist vollständig intern. Natürlich ist bei dem Ganzen auch ein gewisser Nimbus im Spiel, und die Tatsache, dass so viele Fotografen, die wir bewundern, bereits mit Leica-Kameras gearbeitet haben, übt eine gewisse Anziehungskraft aus. Ich selbst habe zum Beispiel vierzig Jahre lang mit demselben Schläger wie Federer Tennis gespielt, aber weiter würde ich mit der Romantisierung von Gegenständen auch nicht gehen. Die eigentliche Frage für alle, die es mit der Fotografie ernst meinen, ist, ob die Kamera den eigenen Blick beeinflusst oder ob man die Kamera mit seinem eigenen Blick beeinflusst. Für mich war schon immer entscheidend, die Kamera jeden Tag bei mir zu haben – selbst an Tagen, an denen ich gar nicht fotografiere. Genau wie ein Gitarrist täglich übt, um seine Finger in Form zu halten, ist diese Vertrautheit letztlich entscheidend, um als Fotograf seine eigene Bildsprache zu entwickeln.

Ralph Gibson | Aufgenommen mit einer Leica-Kamera auf 35-mm-Film | 1961
Ratschläge für eine neue Generation von Fotograf:innen
Die heutige Welt der Fotografie unterscheidet sich stark von der, in der Gibson groß geworden ist. Fotograf:innen steigen heute mit anderen Tools in das Medium ein und machen, bearbeiten und teilen Bilder fast in Echtzeit. Vor diesem Hintergrund stellt sich natürlich auch die Frage nach der besten Methode, um eine eigene Bildsprache zu entwickeln.
Wo sollten jüngere Fotograf:innen Ihrer Meinung nach am besten ansetzen, wenn es darum geht, ihre eigene Bildsprache zu entwickeln?
Das häufigste Missverständnis ist, dass Technologie mit Ausdruck verwechselt wird. In meinem TED-Talk habe ich zum Beispiel erwähnt, dass die Technologie, die jedem den Zugang zur Fotografie erleichtert hat, auch dafür sorgt, dass alle Fotos gleich aussehen. Als Photoshop aufkam, war das Erste, was man auf den Bildern der Leute sah, Photoshop. Noch bevor man genauer hinsah, erkannte man, mit welchem Tool das Bild bearbeitet wurde. Und das kann selbst mit einer Leica-Kamera passieren: Wenn man sich zu sehr auf die Belichtungseinstellungen und technische Perfektion konzentriert, sehen die Bilder irgendwann alle aus wie mit einem iPhone-Filter. Für mich sind Technologie und Ausdruck zwei unterschiedliche Dinge, und ich empfehle anderen Fotografen, das genauso zu sehen. Wenn ich eine neue Kamera bekomme, lese ich grundsätzlich nie die Bedienungsanleitung. Ich lerne sie auf meine Weise zu nutzen und passe sie an meine Bedürfnisse an. Das Größte, was ich anderen wirklich mitgeben kann, ist die Erkenntnis, dass alles, was ich erreicht habe, auf mein Streben nach Originalität zurückzuführen ist, denn aus Erfahrung wird mit der Zeit Mut.

Ralph Gibson | Aufgenommen mit einer Leica-Kamera auf 35-mm-Film | 1975
Gibsons Kamera in neuen Händen
Durch die Verlosung von Ralph Gibsons Leica M Monochrom Typ 246 kommt diese Kamera nicht nur in neue Hände. Weitergegeben wird auch ein Stück fotografischer Praxis – ein Tool, das von einer bestimmten Sichtweise geprägt wurde und nun dazu einlädt, damit eine eigene Bildsprache zu entwickeln.
Was bedeutet es für Sie, dass Ihre persönliche Leica M Monochrom (Typ 246) jetzt in neue Hände kommt?
Ich habe diese Kamera schon besessen und genutzt, als sie noch auf dem neuesten Stand der Technik war. Sie hat mich also auf einem Großteil meines Weges begleitet. Was ich der Person, die sie als Nächstes in den Händen hält, mitgeben möchte, ist ganz einfach: Versuchen Sie, originell zu bleiben. Als jemand, der seit vielen Jahrzehnten als Fotograf tätig ist und der diesem Medium viel zu verdanken hat, empfinde ich es als meine Verantwortung, diesen Rat weiterzugeben. Um dem Gewinn eine persönliche Note zu geben, verlosen wir auch einen signierten und nummerierten Druck aus dem Jahr 1996. So verlässt eine Kamera mit besonderer Bedeutung meine Hände und beginnt woanders ein neues Kapitel – und das ist auch gut so.

Ralph Gibson | Leica | 2014
Gibt es für Sie ein Lieblingsfoto, das Sie mit dieser speziellen Leica M Monochrom (Typ 246) aufgenommen haben?
Ich denke ungern in Lieblingsbildern, die ich mit einer bestimmten Kamera gemacht habe, und ich sage Ihnen auch warum: Für mich zählt das Ergebnis und nicht das Gehäuse. Mit dieser Monochrom verbinde ich aber eine lebhafte Erinnerung. Ich konnte all meine Leica-Objektive damit nutzen, und sie eignete sich sowohl für Fotos als auch für Videoaufnahmen. Bei einem Workshop in San Francisco arbeitete ich mit fünf Models und einem Teleobjektiv und filmte ihre Bewegungen. Meine Teilnehmer saßen daneben und fragten sich, warum sie selbst nicht auf diese Idee gekommen waren. Aber zurück zur Frage nach meinem Lieblingsbild: Ich erkläre meine Fotografien nicht, sondern überlasse es den Betrachtern, was sie daraus machen. Wirklich gute Fotos machen etwas sichtbar, das sich sonst nicht beschreiben lässt. Was könnten Worte da noch hinzufügen?
Welche Entdeckungen wünschen Sie der nächsten Person, die mit dieser Kamera fotografiert?
Ich wünsche dem nächsten Besitzer, dass diese Kamera nur der Anfang seiner Frage ist und dass er damit entdeckt, ob die Kamera seine Sichtweise beeinflusst oder ob seine Sichtweise die Kamera beeinflusst. Alles Weitere ergibt sich von selbst. Außerdem hoffe ich, dass die Kamera zu seiner täglichen Begleiterin wird, denn eine Bildsprache kann nur durch Übung entstehen. Ich hoffe auch, dass der nächste Besitzer genau wie ich nie auf das perfekte Bild wartet, sondern aufmerksam durch die Welt geht und immer bereit ist, auf den Auslöser zu drücken, sobald der richtige Moment auftaucht. Ich hoffe, diese Person lernt aus ihrer eigenen Arbeit, denn aus Fehlern lernt man am meisten. Und vor allem hoffe ich, dass sie die Verantwortung für ihre Arbeit übernimmt – ob für Erfolge oder Misserfolge –, denn das ist im Zeitalter von KI wichtiger denn je.

Ralph Gibson | Aufgenommen mit einer Leica-Kamera auf 35-mm-Film | 1989
Für Ralph Gibson war die Leica M Monochrom Teil einer Arbeitsweise, die auf genauer Beobachtung, Instinkt und dem Streben nach Originalität beruhte. Jetzt beginnt für eine Kamera mit Geschichte ein neues Kapitel, das erst noch geschrieben werden muss.
Nimm auch du an unserer besonderen Verlosung teil und gewinne mit etwas Glück Ralph Gibsons Leica M Monochrom (Typ 246), zusammen mit einem Leica Summilux 50mm f/1.4 ASPH-Objektiv und einem signierten und nummerierten Druck in limitierter Auflage. Klicke hier, um dir die Chance auf ein Stück Fotografiegeschichte zu sichern. Das Gewinnspiel startet am 10. Juni 2026.
Willst du deine Kameraausrüstung verkaufen oder in Zahlung geben? Erhalte ein kostenloses Sofortangebot, kostenlosen und versicherten Versand an MPB und eine schnelle Bezahlung. Wenn du deine Kameraausrüstung beim Kauf von MPB-geprüfter Ausrüstung in Zahlung gibst, ist der Versand in beide Richtungen kostenlos.