KRAFT: Eine Ausstellung des Female Photoclubs

Veröffentlicht am 2. Februar 2026 von MPB

Welche Bedeutungen kann der Begriff “Kraft” tragen? Dieser Frage widmen sich 20 Fotograf:innen aus dem Female Photoclub in ihrer Ausstellung an der Akademie für Fotografie in Hamburg. Ihre Werke beleuchten das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln: mal laut, mal leise, mal dokumentarisch, mal sehr persönlich.

Der Female Photoclub ist ein Netzwerk von Fotografinnen, das sich der Förderung und Unterstützung weiblicher Kreativität in der Fotografie verschrieben hat. "Weil FLINTA* nach wie vor in der Branche unterrepräsentiert sind und Schutzräume brauchen", erklärt Mitbegründerin Melina Mörsdorf.

Der Club bietet eine Plattform für den Austausch von Ideen und gemeinsames Schaffen. Regelmäßige Ausstellungen tragen außerdem dazu bei, die Sichtbarkeit von Fotografinnen zu erhöhen.

In diesem Artikel möchten wir vier der ausstellenden Fotografinnen vorstellen: Michelle Jekel, Henriette Simons, Simone Rudloff und Lisa Strautmann.


Michelle Jekel 

“Ich bin der festen Überzeugung: Fordernd und feinfühlig schließt sich keineswegs aus. Ich wünsche mir mehr Feinfühligkeit, auch von meinen männlichen Kollegen.”

Michelle Jekel ist eine Fotografin und Videografin aus Hamburg, die besonders gerne mit Licht experimentiert und an ihrem Job die zwischenmenschliche Interaktion am meisten zu schätzen weiß.

MPB: Was bedeutet „Kraft“ für dich?

MJ: Kraft ist für mich die Fähigkeit, sensibel zu sein und gleichzeitig entschlossen und unerschütterlich den eigenen Weg zu gehen, authentisch zu bleiben und sich der eigenen Stärken und Fähigkeiten bewusst zu sein.


Eine Person kniet am Boden und legt ihren Kopf auf den Schoß einer anderen Person, die sitzt und ihren Kopf in Richtung der anderen Person neigt. Beide blicken direkt in die Kamera.

Michelle Jecke | Sony Alpha 7 III | Sigma 24-70mm f/2.8 | 30mm | f/5.6 | 1/160 sec | ISO 1250

MPB: Wie zeigt sich das Thema „Kraft“ in diesem Bild?

MJ: Es ist Teil meiner ausgestellten Serie „collective resistance“, also kollektiver Widerstand, in der ich soziale und biologische Schwestern fotografiert habe und die Einzigartigkeit und Stärke weiblicher Verbindungen zum Ausdruck bringen möchte.

Dieses Bild habe ich ausgewählt, weil es genau die oben genannte Definition von Kraft beschreibt: Es ist sanft, privat und intim, zeitgleich haben die Schwestern auf dem Bild eine starke Ausdruckskraft und wirken dabei unerschrocken. Ich mag das Spiel aus echter Emotion und einer scheinbar oberflächlichen Fashionfotografie.

MPB: Welches Equipment hast du dafür verwendet? 

MJ: Das Bild ist mit meiner Sony Alpha 7 III plus Sigma 24-70mm Objektiv entstanden. Außerdem habe ich alle Bilder der Serie vor einem Hintergrund und mit einer Mischung aus Tageslicht und Aufhelllicht fotografiert.


Schwarz-Weiß-Porträt einer Person mit dunklen Haaren und dunkler Kleidung, die an der Kamera vorbeischaut, im Hintergrund Meer.

MPB: Welchen Hindernissen begegnest du als Frau in der Fotografie? Wie wirken sich diese Hürden auf deine Arbeit aus?

MJ: In der Branche begegne ich oft Vorurteilen, die meine Fähigkeiten infrage stellen oder mich auf bestimmte Themenbereiche beschränken wollen. So wurde mir in der Vergangenheit öfter unterstellt, nicht so resilient oder durchsetzungsfähig sein zu können wie männliche Kollegen.

Außerdem habe ich im Austausch mit anderen Fotograf:innen immer wieder gehört (und auch selbst erlebt), dass man uns in der Zusammenarbeit gewisse Charaktereigenschaften zuordnet oder glaubt, uns erklären zu müssen, wie alles funktioniert. Das führt dazu, dass man sich als Frau häufiger mehr „beweisen“ muss im Job und das Gefühl hat, die eigene Arbeit wird erst ernst genommen, sobald man sich bewährt.

Ich musste erst lernen, dass ich das Recht habe, genauso unnachgiebig, bestimmend und fordernd zu sein – und dass ich dafür nicht nur noch mehr kämpfen muss, sondern auch genauso wenig verurteilt werden sollte wie meine männlichen Kollegen, wenn ich es tue. Denn ich bin der festen Überzeugung: Fordernd und feinfühlig schließt sich keineswegs aus. Ich wünsche mir mehr Feinfühligkeit, auch von meinen männlichen Kollegen.

Henriette Simons

“Die größten Probleme für Frauen und generell für FLINTA in der Fotografie sind leider immer noch oft verbreitete Geschlechterstereotypen, ungleiche Bezahlung, weniger Aufstiegschancen und Sicherheitsbedenken.”

Henriette Simons ist Bildredakteurin und Fotografin und lebt in Hamburg. Am liebsten fotografiert sie analog und experimentiert mit alternativen Entwicklungsmethoden.

MPB: Was bedeutet „Kraft“ für dich?

HS: Kraft ist für mich eine Ressource, mit der – sichtbar oder unsichtbar – physische oder psychische Anstrengungen bewältigt werden können. Physisch in Form von Energie und Muskelkraft. Psychisch, als mentale und emotionale Stärke, um Herausforderungen und Stress zu bewältigen. Kraft in aktiver Form ermöglicht es, Widerstände zu überwinden und Ziele zu erreichen.

Kraft gibt es aber auch in passiver Form und zeigt sich in Geduld oder im Aushalten und Durchstehen von selbst schwierigen Situationen. Sie ist entscheidend für das Überleben, das Wachstum und Erfolg im Leben.


Blaue Filmaufnahme einer Frau in Unterwäsche bekleidet, die sich im Spiegel fotografiert mit Kamera vor dem Gesicht, die einen hellen Blitz auslöst

Henriette Simons | Cyanotypie

MPB: Wie zeigt sich das Thema „Kraft“ in diesem Bild?

HS: Dieses Bild habe ich am Abend vor einer für mich lebensnotwendigen Operation in der Klinik aufgenommen. Es war der Höhepunkt einer sehr langen und beschwerlichen Zeit. Vor mir lag der letzte große Schritt, vor dem ich großen Respekt hatte, und der gleichzeitig ein Ende in Sichtweite gerückt hat. Trotz der Angst und Ungewissheit spürte ich einen starken Lebenswillen und eine tiefe innere Kraft.

Wenn ich das Bild anschaue, sehe ich große Erschöpfung, gleichzeitig aber Entschlossenheit und Kampfgeist. Bis heute kommen Erinnerungen dieser Zeit in Form von Träumen zu mir zurück, doch bleibt gleichzeitig auch das Vertrauen in mich, dass ich immer wieder aufstehen kann.

MPB: Welches Equipment hast du dafür verwendet? 

HS: Ich habe mit einer kleinen Point-and-Shoot Kamera das Bild auf Film fotografiert. Ich hatte damals keine Verwendung im Kopf, sondern wollte einfach die Zeit für mich festhalten. Erst später, beim Versuch eine Darstellungsform für die seitdem wiederkehrenden Träume zu finden, habe ich sie wieder in die Hand genommen und mit neuen Fotos kombiniert.

Von diesen Bildern habe ich Cyanotypien hergestellt. Das heißt, ich habe die Negative auf Folie vergrößert und sie mit UV-Licht auf Papier belichtet, welches ich vorher mit einer bestimmten Chemie behandelt habe. Die Chemie nimmt nach dem Wässern dann eine blaue Farbe an.

Porträt einer Person, die auf einem Stuhl sitzt mit Händen auf der Lehne und in die Kamera blickend

Henriette Simons | Foto: Jana Rothe

MPB: Welchen Hindernissen begegnest du als Frau in der Fotografie? Wie wirken sich diese Hürden auf deine Arbeit aus?

HS: Die größten Probleme für Frauen und generell für FLINTA in der Fotografie sind leider immer noch oft verbreitete Geschlechterstereotypen, ungleiche Bezahlung, weniger Aufstiegschancen und Sicherheitsbedenken. In meiner Arbeit als Bildredakteurin erlebe ich auch, dass FLINTA in bestimmten Genres, z. B. in der Kriegsfotografie, eingeschränkt und ihre Fähigkeiten unterschätzt werden.

Auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist eine Herausforderung, da man mit jeder Pause, die man einlegt, befürchten muss, den Anschluss zu verlieren. Durch diese Barrieren habe ich es als sehr schwer wahrgenommen, eine Karriere aufzubauen und ein gutes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Ziemlich schwierig in einer Branche mit so viel Wettbewerb, in der oft diejenigen die Jobs bekommen, die am lautesten schreien.

Um diese Benachteiligungen zu bewältigen, sind Netzwerke wie der Female Photoclub, Mentorship-Programme und Initiativen zur Förderung der Chancengleichheit entscheidend. Vor allem, weil sie die Sichtbarkeit erhöhen. In meiner Tätigkeit als Bildredakteurin versuche ich auch, weibliche Fotografinnen zu fördern – nicht, um den männlichen Blick auszuschließen, sondern um strukturelle Benachteiligungen zumindest in meinem kleinen Wirkradius zu überwinden.

Simone Rudloff

“Ich sehe nichts als Hindernis, sondern als Chance. Eine Chance, Menschen zu überraschen oder von etwas Anderem zu überzeugen, als sie vielleicht von mir oder allgemein einer Frau* erwartet haben.”

Simone Rudloff ist Fotografin in Hamburg. Sie mischt digitale und analoge Technik und lässt sich dabei weniger von Regeln und Normen leiten, vielmehr von ihrem Auge für unkonventionelle Schönheit.

MPB: Was bedeutet „Kraft“ für dich?

SR: Energie, Macht, Pausen zulassen. Kraft heißt auch Kraftlosigkeit.

Bild aus der Vogelperspektive von einer Kiwi auf einer Bettdecke.

Simone Rudloff | Kodak

MPB: Wie zeigt sich das Thema „Kraft“ in diesem Bild?

SR: Dieses Bild stammt aus meiner Serie „mother.“ Auf anhieb nur eine Kiwi. Ein Mitbringsel aus dem Krankenhaus. Sinnbildlich, für mich zu mindest, der Kopf meiner Tochter bei der Geburt. Mama werden. Das wohl Kraftvollste, was es gibt. Diese ersten Tage, wo wenig darüber gesprochen wird. Sanft, hart, leise, kraftvoll und schwach. Alles fließt. Es ist schwer, diese Zeit festzuhalten. Ich habe es trotzdem versucht.

MPB: Welches Equipment hast du dafür verwendet? 

SR: Dieses Bild ist mit einer Kodak-Einwegkamera entstanden. Normalerweise arbeite ich mit der Sony A1.

Porträt aus der Vogelperspektive einer Frau, die am Boden auf einem Teppich liegt und einen Fuß in Richtung Kamera streckt

Simone Rudloff | Foto: Tim Bieker

MPB: Welchen Hindernissen begegnest du als Frau in der Fotografie? Wie wirken sich diese Hürden auf deine Arbeit aus?

SR: Ich sehe nichts als Hindernis, sondern als Chance. Eine Chance, Menschen zu überraschen oder von etwas Anderem zu überzeugen, als sie vielleicht von mir oder allgemein einer Frau* erwartet haben. Das hat weniger Auswirkungen auf meine Arbeit als auf mein Gegenüber, die/der vielleicht andere Erwartungen und/oder Vorurteile hatte. Ich mache, was ich mache, egal ob jemand glaubt, dass ich das kann oder nicht.

Lisa Strautmann

“Arbeite ich künstlerisch, fotografiere ich viel analog mit der Nikon FM3A und Filmen der Kodak Portra Reihe. Auf kommerziellen Jobs nutze ich die Canon 5D Mark IV mit einem 35mm f/1.4 Sigma oder 50mm f/1.4 Sigma.”

MPB: Was bedeutet „Kraft“ für dich?

LS: Ein Ort, Glaube, Gedanke, Satz, Erlebnis oder eine Person können mir Kraft geben oder mich Kraft kosten. Mich gar verletzen oder auf Wolke 7 fliegen lassen. Bin ich mir dessen bewusst und habe ich die Fähigkeiten, entsteht in beiden Fällen ein Momentum, daran persönlich zu wachsen und zu reifen. Genauso vertraut ist mir der Begriff Kraft auch aus dem Sport. Trainiere ich regelmäßig meine Muskel- und Ausdauerkraft, wächst auch meine mentale Stärke.


Screenshot eines Smartphones, auf dem hunderte Screenshots in der Fotogalerie des Smartphones zu sehen sind

Lisa Strautmann

MPB: Wie zeigt sich das Thema „Kraft“ in diesem Bild?

LS: Das Bild ist ein Screenshot aus meiner ausgestellten Videoinstallation. Es zeigt (wiederum) die vielen Screenshots, die ich während der ersten 3 Monate zu jeder Stillmahlzeit meiner Tochter gemacht habe. Tag und Nacht. Stillen verbraucht 500 kcal zusätzlich am Tag. Es ist trotz der Innigkeit und Zuneigung auch ein physischer wie emotionaler Kraftakt, Tag und Nacht in Abhängigkeit zu stehen. Es sind in den diesen ersten 3 Monaten alleine 805 Screenshots entstanden. Jeder davon steht für 15 Minuten stillen. Mittlerweile ist meine Tochter 6 Monate und ich stille immer noch in den gleichen Abständen. 

MPB: Welches Equipment hast du dafür verwendet? 

LS: Das iPhone 11 Pro. Es war intuitiv die praktikabelste Lösung, auf niedrigschwellige Art ein künstlerisches Zeugnis dieser rundum sehr intensiven Zeit zu schaffen. 

MPB: Welche Ausrüstung verwendest du sonst für deine Arbeit? 

LS: Arbeite ich künstlerisch, fotografiere ich viel analog mit der Nikon FM3A und Filmen der Kodak Portra Reihe. Auf kommerziellen Jobs nutze ich die Canon 5D Mark IV mit einem 35mm f/1.4 Sigma oder 50mm f/1.4 Sigma.

MPB: Welchen Hindernissen begegnest du als Frau in der Fotografie? Wie wirken sich diese Hürden auf deine Arbeit aus?

LS: Ich bekomme mit, dass Männer noch häufig lieber Männer buchen und Frauen eher Frauen. Weil viele Führungspositionen, denen Entscheidungen obliegen, noch männlich besetzt sind, wirkt sich das (neben dem persönlichen Geschmack) auch auf die Jobs aus, die ich (nicht) bekomme.

Eine warm gekleidete Person, die mit einem Telefon in der Hand in die Kamera lacht, mit einer bewaldeten Landschaft im Hintergrund.

Abschließende Fragen an Melina Mörsdorf, Mitbegründerin des Female Photoclubs

MPB: Was sind die greifbaren Resultate eines Clubs für Fotograf:innen?

MM: Durch die Vernetzung und unser breit aufgestelltes Angebot sind der Wissenstransfer und das daraus resultierende Networking unverzichtbar geworden. Durch z. B. Ratgeber zur Elternschaft, Aufklärung und Ausstellungen werden unsere Member unterstützt und sichtbar. 

MPB: Sind Fotografinnen heute sichtbarer als noch vor ein paar Jahren/Jahrzehnten?

MM: Sicherlich hat sich schon einiges getan, aber es ist dennoch ein weiter Weg zu gelebter Parität. 

MPB: Wie ist die Ausstellung mit dem Titel "Kraft" zustandegekommen? 

MM: Wir haben uns das Thema Kraft ausgesucht, weil es viele Möglichkeiten gibt, leise und laut, emotional und sachlich mit diesem Begriff zu spielen.


Amerikanische Einstellung einer Person in schwarzer Kleidung mit den Händen in den Taschen vor einem pinken Hintergrund.

Melina Mörsdorf | Foto: Paula Winkler

Vielen Dank an alle Fotografinnen, die in diesem Artikel ihre Standpunkte und Werke mit uns geteilt haben. Erfahre mehr über die Arbeiten des Female Photoclubs auf Instagram. 

Die Ausstellung “KRAFT” ist im Zeitraum vom 12.07-20.07.2024 in den Räumen der Akademie für Fotografie in Hamburg zu sehen, unterstützt von MPB.


Weitere Interviews mit spannenden Fotograf:innen findest du auf dem MPB-Blog.