MPB trifft street und Dokumentarfotograf Shin Noguchi

Veröffentlicht am 26. August 2020 von MPB

Es ist schwierig, genau zu beschreiben, was Shins Arbeiten so einzigartig macht. Mit einer Mischung aus Street- und Dokumentarfotos bietet Shins Fotografie komplexe Szenen, in denen häufig seine Familie vorkommt. Viele Straßenfotografen betrachten das Motiv als Herzstück. Für Shin ist jedoch das Zusammenspiel von ästhetischer Schönheit und Farbe genauso wichtig. Wir sprechen mit Shin über seine Anfänge in der Fotografie, seine Ausrüstung und die subtile Herangehensweise an das Fotografieren – und sein Verständnis – des Alltagslebens.

Die neue Monografie von Shin Noguchi, In Color In Japan, mit 500 Exemplaren in zwei Ausgaben kann jetzt vorbestellt werden. Lies das Interview weiter, um Shins Arbeit zu entdecken.

Shin Noguchi
Shin Noguchi

MPB: Was ist dein Hintergrund – würdest du dich selbst als Straßenfotograf bezeichnen?

SN: Mein Vater hat mir als Kind eine alte Fujica-Filmkamera gegeben, damit versuchte ich, jeden einzelnen Moment in meinem Leben und im Leben anderer zu erfassen. Ich liebe aufrichtige, ungestellte Fotos von Menschen. Seit etwa zehn Jahren konzentriere ich mich mehr auf das Konzept von Mensch und Gesellschaft, und heute bezeichnen die Menschen mich als „Straßenfotograf“ in dieser Gesellschaft. Ich nenne mich lieber Straßen-/Dokumentarfotograf, denn für mich ist „Straße“ gleichbedeutend mit „Leben“. Ganz egal, ob ich Menschen oder Straßen oder Landschaften unter freiem Himmel fotografiere. Ich nehme einfach jeden Moment an jedem Ort auf – ich möchte das „Leben“, unser Alltagsleben, aufnehmen und festhalten.

Shin Noguchi
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MPB: Bei Straßen- und Dokumentarfotos steht die Schönheit des Bilds häufig nicht so sehr im Vordergrund wie das Motiv und das Thema des Fotos. Deine Bilder tragen jedoch eine große Schönheit in sich – ist das wichtig für dich?

SN: Ja, das ist mir sehr wichtig. Wenn die Betrachter das Gefühl haben, dass die Straßenfotos einen Moment des täglichen Lebens der Menschen einfangen, wäre dies auch der Moment, in dem sie merken, dass ihr Alltag ebenfalls von schönen Anblicken geprägt ist.

Shin Noguchi

MPB: Farbe spielt eine wichtige Rolle in deinen Bildern. Warum Farbe und nicht Schwarzweiß?

SN: Der Grund, warum ich anfing, Kameras mit Farbfilm zu benutzen, war, dass ich unser tägliches Leben festhalten wollte. Es gibt Farbfilm – und ich lebe in dieser farbenfrohen Welt. Ich mache nicht „ein bestimmtes Foto“, sondern ich dokumentiere das Leben der Menschen. Das ist es. Aber wenn ich mit Schwarzweißfilm beginne, versuche ich immer, Fotos zu machen, die wie „Kunst“ aussehen. Ich denke, dass ich von diesem oberflächlichen Ausdruck besessen bin, ohne zu sagen, ob das gut oder schlecht ist.

Shin Noguchi

MPB: Viele deiner Bilder kombinieren sowohl Humor als auch Tragödie und eine gewisse Traurigkeit. Ist dies eine Reflexion deiner Gefühle, oder liegt es mehr an den Motiven, die du findest?

SN: Ich höre nur der Stimme unserer Gesellschaft zu. Das Leben der Menschen ist voller Menschlichkeit – manchmal sehr traurig, manchmal voller unzumutbarer Situationen. Die Motive erzählen mir die Bedeutung und den Wert ihres Lebens. Ein Foto zu machen heißt, die Existenz von Menschen zu bestätigen – die Existenz menschlichen Karmas –, und es ist auch eine Gelegenheit, meine eigene Existenz zu bestätigen und sie so zu akzeptieren, wie sie ist.

MPB: Kommst du bei der Aufnahme einer Serie zu einem Punkt, an dem du das Gefühl hast, dass ein „Typ“ von Bild fehlt? Woher weißt du, dass etwas fertig ist?

SN: Ich habe keine Ziele für meine Street-Projekte, außer für das Reportageprojekt, da unser Leben immer weiter geht. Niemand weiß, was kommen wird, also kann ich nie aufhören, „das Leben“ einzufangen. So wie Rosanjin seine eigene Keramik liebte und Basho Haiku-Gedichte liebte.

Shin Noguchi

MPB: Wie du weißt, hat Japan eine ergiebige Vergangenheit bei der Herstellung von Fotobüchern. Zudem hast du gerade deine letzte Arbeit herausgegeben, die mit Eyeshot veröffentlicht wurde. Ist die Veröffentlichung das ultimative Ziel für dich und die von dir angefertigten Bilder?

SN: Ich wurde von vielen Verlagen eingeladen, mein Fotobuch zu veröffentlichen. Aber es ist ungewöhnlich, dass ich eine bestimmte Identität beim Material meiner Fotos und Bindungen wollte. Japanische Verlage legen zu großen Wert darauf, Bücher herzustellen, die in ihrer Originalität wahrgenommen werden. Wenn ich sie in die Hand nehme, ist mir der Einband bewusster als der Inhalt des Fotos.

Shin Noguchi

MPB: Du machst fast ausschließlich Aufnahmen auf Film. Warum das?

SN: Ich verwende eine Leica MP für meine persönliche Arbeit und eine digitale Leica M9-P Black für Auftragsarbeiten. Ich liebe die Filmatmosphäre – insbesondere des Kodak Portra 400, den ich schon eine ganze Weile verwende. Ein digitaler Sensor kann möglicherweise fast alle Informationen im Bild aufnehmen, aber ich möchte „den Grund“ zeigen, warum ich auf den Auslöser tippe, und nicht „die Art“, wie ich ein Foto mache. Aus diesem Grund brauche ich nur ein oder zwei Bilder für die Momente, die ich erlebe. Für mich ist es nicht nötig, Digitaltechnologie zu verwenden, um den Auslöser mehrmals betätigen zu können.

Shin Noguchi

Lies unseren Leitfaden Streetfotografie.